EL COLOR DE LA ETERNIDAD

Pedro M. Piñeiro Ramírez Interview mit Ursula Wentzlaff

Pedro: In Granada willst Du große abstrakte Farbräume ausstellen, gleichzeitig aber auch Aquarelle, die man fast als "gegenständlich" bezeichnen könnte, auf denen etwa Menschen oder Tiere erscheinen.
Wie bringst Du diese beiden Welten zusammen?

Ursula: Es langweilt mich, ein Leben lang in abstrakten Bildern zu denken. Ich bin zeitweise von realen Begebenheiten so beeindruckt, daß ich über sie nachdenken möchte, und dieses Nachdenken gelingt mir am besten über die Zeichnung oder das Aquarell.

Pedro: Machst Du viele Aquarelle zu einer Situation?

Ursula: Ja, ich zeichne sie oft ganz verschiedenen und überlege mir dabei, was mich eigentlich so erschüttert hat. Dabei stellt sich dann oft heraus, daß der Anlaß die Mühe nicht wert war.

Pedro: Arbeitest Du gleichzeitig an verschiedenen Themen?

Ursula: Nein, ich verbeiße mich in eine Vorstellung und versuche, sie so genau wie möglich auszudrücken. Dabei merke ich dann oft, daß mein Wille mir im Weg steht. Nur ganz selten gelingt mir die Darstellung einer Situation so wie ich sie mir wünsche.

Pedro: Du meinst, es geht darum den Willen auszuschalten?

Ursula: Ja, im Endeffekt.

Pedro: Warum wählst Du die Technik des Aquarells?

Ursula: Sie ist nur mit geringen körperlichen Anstrengungen verbunden und erlaubt mir, mit wenig Aufwand das auszudrücken, was ich empfinde. Auch hat das Aquarell durch seine Technik zwei Eigenschaften, die mir entgegenkommen; es zwingt einen, von Anfang an ein klares Konzept zu haben, läßt aber gleichzeitig Platz für das Wunder. Oft verflüchtigt sich beim Malen die ursrpüngliche Überlegung und das Bild macht sich selbständig: es fließt und zerfließt, sodaß man plötzlich außerhalb des Malvorgangs steht und über das Ergebnis staunt. Mein Schreibtisch ist dann oft eine einzige Wasserlache.
ln solchen Momenten lerne ich viel über mich selbst.

Pedro: Welche Maler bewunderst Du?

Ursula: Ach, ich mag ganz unterschiedliche Künstler. Ich wundere mich immer, wenn Leute so ausschließlich fühlen und einen Gegensatz zwischen abstrakter Malerei und sozial orientierter Kunst konstruieren wollen. Mich interessiert das gesamte Spektrum der Möglichkeiten. Ich verehre Louise Bourgeois, Jenny Holzer, Francis Bacon, manches von Gerhard Richter, von Bruce Naumann, aber natürlich auch die Klarheit und die überlegene Technik von Dürer und Velázquez.

Pedro: Warum haben Deine Aquarelle Texte?

Ursula: Die meisten Aquarelle sind mir zu eindeutig. Ich möchte keine Aussagen machen, die Gültigkeit beanspruchen, oder gar in irgendeiner form Glaubensbekenntnisse ablegen. Auch das "Unsagbare in der Kunst" interessiert mich nicht. Ich denke über Eindrücke und Situationen nach: War es so? oder ganz anders? Und ich wäre froh, wenn es mir gelänge, meine Zweifel allen optischen Erscheinungen gegenüber auszudrücken.
Dabei helfen mir die Texte; sie tragen zu diesem Verwirrspiel bei. Ich habe oft das Gefühl, mich in einem Labyrinth zu bewegen. Tausend Wege kreuzen sich. Man kann jeden Weg nehmen. Es spielt keine Rolle. Die Suche ist ohnedies hoffnungslos.

Pedro: Woher kommen die Motive und die Texte?

Ursula: Das ist ganz verschieden; oft aus der Tageszeitung, aus Theater- oder Kinoprogrammen. Auch wenn ich durch die Stadt laufe, begegnet mir vieles.

Pedro: was fesselt Dich im Moment an meisten?

Ursula: Fallendes Fleisch, wie es Rembrandt auf der “Kreuzabnahme" in der Münchner Pinakothek gemalt hat; Fleisch, das sich in biologische Formen auflöst; Körper, die sich verändern wie der jenes Mannes, der zu einem singenden Walnußkern wird.

Pedro: Ja, Deine letzten Bilder sind nicht sehr fröhlich ...

Ursula: Nein; aber auch nicht traurig. Und wenn Du mich fragen würdest, was ich als nächstes malen möchte, könnte ich antworten: “Einen Elefanten mit ganz großen Ohren".

ERDRANDBEWOHNER

„Erdrand - Bewohner" ist im Grunde eine völlig falsche Bezeichnung für diese Kreaturen. Sie sind wir selbst.

So kann man den einzelnen Kreaturen keinen Namen zuordnen oder sie durch eine Bezeichnung lhrer Eigenschaften oder Tatıgkeit ındivıdualısıeren, es sei denn, es würde einem genügen, sie als „Putzfrau“,  als „Vernagelter,   engherziger Lehrer", „Verlogener, korrupter, niederträchtiger, hinterhäitiger Politiker", als „Hoffnungsloser, verzweifelter, arbeitsloser, Gastarbeiter"   zu benennen. Was nichts bringen würde, denn zu jeder Zeit jeder sein wie der nächste. Deswegen werden die Köpfe nur mit Nummern versehen,   z. B. X1, X2, X3.

Sie haben wie wir von Aufrichtigkeit und Klarheit geträumt, aber es ist beim Träumen geblieben. Sie sind schon bei ihrem Auftauchen in einem Amtsraum erniedrigt und gescheitert. Ihr Leben ist ein Straflager, und  sie kennen nur das Todesurteil. Sie brachten es in fast alien Fällen nicht weit in ihrem Leben, das eine einzige Fürchteriıchkeıt gewesen war:  alle bis zur Putzfrau, waren sie weiblich, und bis zum Hilfs- und Gastarbeiter, waren sie männlich.

Sie existieren alle in einem ununterbrochenen Anschuldlgungs- und Beschuldigungswahnsinn als Todeskrankheit. Sie zersetzen und zerstören sich pausenlos gegenseitig. Sie existieren mit der hofnnungslosn Intensität
des tödlich Verzweifelten.  Ein fürchterliches Leben als fürchterliche Existenz. Ich erkenne mich in jedem diese Menschen, gleich wie er ist. Wir alle sind zu dieser, unserer fürchteriichen Existenz verurteilt, solange wir leben.

Die Köpfe

Im allgemeinen:
ein Verzweiflungsghetto;
und ein Beschämungsghetto
andererseits.

Es sind Höllenbewohner
oder zumindest
Vorhöllenbewohner;
unsichere, verirrte, konfuse
Geschöpfe; unsicher
dastehend und in jedem
Falle als eine nach außen
und innen unglückliche
Natur zu erkennen.

Der Staat, die Stadt
und die Kirche hatten
an diesen Menschen
längst versagt und
aufgegeben,

Es sind Aufgegebene,
nicht nur von der Umwelt
als perverser Betrugs- und
Geschmacksgesellschaft,
sondern hatten sich
schon längst selbst
aufgegeben.

Meine Kreaturen sind Tell einer Weltsicht, wie sie in der Literatur bei Werner Schwab, Elfriede Jelinek und Thomas Bernhardt aufscheint. Das Montaignezitat, weiches Thomas Bernhardt seinem autobiographischen
Bericht Der Keller vorangestellt hat, trifft auch für meine Aquarelle zu: „Alles ist unregelmäßige und ständige Bewegung ohne Führung und ohne Ziel".

Kressbronn, August 2007  Ursula Wentzlaff

ABSTRAKTE AQUARELLE

Die abstrakten Aquarelle

,,lch habe Freude an den Farben. lch liebe es, wenn die Bllder leuchten. Deshalb sind auch die Ölbilder immer sorgfältig grundiert (nach Dörner "Jedes Bild ist so gut wie sein Grund"). Aber auch hier will ich auf das Vergnügen der ,,Sauerei" nicht verzichten; so nehme ich z. B. Zinkweiß mit der Hand und werfe es auf die Leinwand; das sind dann meine Kumulus-Wolken. lch bedauere, dass die Ölfarbe nicht schnell trocknet, denn ich liebe den Akt des raschen Malens mit leuchtender Farbe. Deshalb kommt mir die Technik des Aquarells entgegen."

Ursula Wentzlaff

URLANDSCHAFTEN

Die Urlandschaften

,,Schatten sind oft rund. lhre Ränder zeigen eine scharfe Begrenzung. Und doch lösen sie sich im Nu zitternd auf. lm lnnern ist ein Schatten nie ganz schwarz. Er besteht aus vielen kleinen Strukturen, Linien, ja wiederum aus Schatten, grobkörnig wie Sand, wie Brocken aus Stein. Wildes Leben ist hier zu beobachten. lm Herzen eines Schattens ist ein sanfter Fleck mit gezackten Kanten. Gerade noch atmend, sich bewegend, verrutscht und verschiebt er sich; Bruchstücke lösen sich, der Fleck wird zu einem Wasserfall mit tausend harten Linien, um sich kurz darauf wie ein Kornfeld zu bewegen, über das der Wind streicht."

Ursula Wentzlaff

ZEICHNUNGEN

Das "Schwäbisch-alemannische Kopfbuch"

Schwäbisch und alemannisch sind die Gegenstände, nicht aber die Zeichnungen. Die Künstlerin zeichnet Visionäre, Verrückte, Dichter und Schauspieler mit solch messerscharfer, eigenwilliger, leidenschaftlicher Akribie und doch gelegentlich wieder weichem, ja ausweichendem und zudeckendem Strich, dass der Gegenstand zum puren Anlass wird. 

Die gelegentlich extreme Ökonomie der Mittel gehört zum Reit ihrer Manier, die das Dargestellte auch dann distanziert, wenn es sich nicht — als Romanfigur oder Vision — von vornherein des real Erfahrbaren rückt: gerade dort wird das "Hier und Heute" in Frage gestellt, wo zunächst die scheinbare Vertrautheit der gezeichneten Person das Interesse des Betrachters geweckt hatte.